Sonntag, 13. Mai 2007

Andreas

18 Jahre und ungeküsst. Wenig Selbstbewusstsein, religiös und er wohnt in einem Ort, wo man ohne PKW keine Chance hat, zu entfliehen. Andreas mag mich, vielleicht hat er sich sogar ein wenig in mich verknallt, aber ich behandle ihn seit 3 Tagen mit sehr viel Distanz. Das hat er nicht verdient, aber ich muss in meiner momentanen Verfassung mir am nächsten sein. Egoismus ist nie schön, aber er gehört nun mal zum Leben dazu.

Angefangen hat alles vor knapp 3 Wochen. Ich chattete bei gayromeo.com – keine Ahnung, warum – vielleicht wollte, ich mir etwas zum Ficken suchen oder einfach auch nur die Zeit totschlagen. Na ja, da war er also online: 18 Jahre jung, scheinbar ganz süß und auf der Suche nach sich selbst. Wer ist das nicht? Wir kamen ins Chatten und mussten (Was heißt mussten? Haben!), also haben festgestellt, dass wir einen ganz guten Draht zueinander besitzen. Wir redeten über alles Mögliche und darüber, dass Andreas mit fast 19 Jahren noch nie Sex gehabt hatte, geschweige sich geküsst oder nur Händchen gehalten hat. Ein absoluter Spätzünder, was nicht zuletzt daran lag, dass er in einer Gegend wohnt, die mit Schwulen nicht gerade gesegnet ist und na ja, natürlich auch daran das er schüchtern ist. Auf jeden Fall hat er sich vorgenommen, dass nach seinen Abiturprüfungen endlich Schluss damit sein sollte.

Wenn ich mich an meine Teenagerzeit zurückerinnere, war ich das absolute Gegenteil von Andreas. Das Einzige, was mich mit ihm verbindet, ist, dass wir aus derselben Gegend kommen. Ich hatte meine ersten sexuellen Erfahrungen bereits mit 12, wohlbemerkt schwule Erfahrungen. Später kamen die heterosexuellen dazu und, na ja, mit 16 hielt mich auch nichts mehr auf, ich trieb mich oft in Berlin herum und wollte die schwule Welt kennen lernen. Mit 16 ½ wurde ich dann das erste Mal in den Arsch gefickt und fand es geil. In den darauffolgenden Jahren hatte ich was mit Männern und Frauen, schwuler Sex war geiler, aber man nimmt halt, was man bekommt. Andreas hingegen sagt von sich, dass er immer wusste, dass er schwul ist und daher nie Anstrengungen unternahm, sich mit einem Mädchen einzulassen. Okay, so was soll es ja geben. Na ja, er träumt davon, dass sein erster schwuler Sex auf einer zufälligen Begegnung beruht und wäre ebenso nicht abgeneigt, dass sein erster Sexualpartner dann auch sein Freund (im Sinne von Beziehung) wird.

Unsere täglichen, oft nächtlichen Chats, führten letztendlich dazu, dass Andreas mich zum Auserwählten machte, der ihn das erste Mal fickt. Gerne, ich mag ihn und mag es auch, dass ich in dieserlei Hinsicht ihm irgendetwas beibringen kann. Ich glaube, ich wäre gut für ihn. Durch mich würde Andreas erfahren, dass er etwas wert, wert und begehrenswert ist. Ich respektiere ihn und wäre unter Umständen nicht einmal abgeneigt, mich auf eine Beziehung mit ihm einzulassen. Gerechterweise sollte ich vielleicht auch erwähnen, dass eine Beziehung mit ihm unter keinem guten Stern stehen würde: Altersunterschied 10 Jahre (kommt man mit klar, aber ist nicht unproblematisch), Fernbeziehung (weil Andreas nicht in Berlin wohnt, wäre schwierig!), teilweise sehr unterschiedliche Interessen (kann gut sein, muss aber nicht, aber er ist begeisterungsfähig, was letztendlich dafür spricht) und zu guter Letzt, er ist von seinen Eltern abhängig und das ist ein großes Problem. Ohne seine Eltern (ohne PKW) ist der Weg zum Bahnhof schwierig, ohne die Erlaubnis seiner Eltern, würde er nicht nach Berlin kommen, na ja, und natürlich kommt von den Eltern auch das Geld, ohne das es leider nicht geht. Da ich nun nicht leider auch nicht der tolle und erfolgreiche Typ bin, kein Auto (geschweige Führerschein) und auch kein dickes Bankkonto habe, kann ich Andreas leider auch nichts von der Abhängigkeit zu seinen Eltern nehmen. Leider, denn wäre es so, wäre ich schon so manche Nacht zum ihm gefahren und hätte ihn auf ein kleines nächtliches Abenteuer abgeholt. Also mussten wir beide warten, warten auf eine günstige Gelegenheit.

Diese Gelegenheit sollte heute sein. Am Freitag hatte Andreas seine letzte Abiprüfung und wollte sich danach einen kleinen Urlaub bei seinem Schwager gönnen. Praktischerweise, liegt Berlin auf dem Weg zu seinem Schwager und bei seinem Schwager ist Andreas auch schon geoutet, womit er ihn zu einem Verbündeten machen konnte. Der Plan war, dass er offiziell zu seinem Schwager fährt, vorher aber einen ein- bis zweitägigen Zwischenstopp bei mir in Berlin macht. Das war der Plan, aber Pläne scheitern ja gerne mal. Grund des Scheiterns diesesmal: natürlich, die Mutter! Fuck und dabei hätte mir der heutige Tag so viel Gutes gebracht. Am Donnerstag hatte ich meinen seelischen Zusammenbruch und das Einzige, worauf ich mich freute bzw. woran ich mich klammerte, waren die ein bis zwei Tage mit Andreas. Zuneigung, Geborgenheit und Sex – Balsam für meine gereizte Seele. Doch es war vergönnt, warum sollte es auch nur irgendein kleines Licht am Ende des Tunnels geben?

Die Quintessenz des Ganzen ist aber noch schlimmer. Als ich am Freitag erfuhr, dass es mit meinem Date am Sonntag nichts wird, habe ich erstmal nichts unversucht gelassen, es irgendwie doch noch möglich zu machen. Ich habe versucht Andreas zu überreden, in der Hoffnung, dass er zu Hause Ärger in den Kauf nimmt und dennoch seinen Willen – mich zu besuchen – durchsetzt. Tat er aber nicht! Stattdessen schlug er mir einen Alternativtermin vor: das erste Juni-Wochenende, also erst in drei Wochen. Unter normalen Umständen hätte ich gesagt: Schade, aber okay! Doch die Umstände sind nicht normal, sondern das Gegenteil. Mit der Absage von Andreas wurde mir die einzige Hoffnung genommen, um halbwegs gut über die nächsten Tage zu kommen. Doch damit nicht genug. Meine Enttäuschung war so groß, dass ich über Sinn und Unsinn dieser Internetbekanntschaft nachgedacht habe. Aufgrund meiner generell miesen Stimmung ist meine Betrachtungsweise knallhart und realistisch gewesen, es ist etwas Wahres dran, aber all das ist nichts Unumstößliches. Alles, was ich als Bedenken oder möglichen Folgen geäußert habe, ist möglich, aber es liegt in der eigenen Hand es wahr oder nicht wahr werden zu lassen.

ANDREAS, wenn du das hier irgendwann mal liest: Es tut mir leid! Geh diesen, wenn auch sehr steinigen Weg mit mir gemeinsam.

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