Freitag, 11. Mai 2007

10. Mai 2007

Warum schreibt man eigentlich immer nur dann Tagebuch, wenn es einem schlecht geht? Weil es sonst nichts zu erzählen gäbe? Ja, vermutlich ist es das. Ich bin gerade temporär depressiv! Ich fühle mich einsam, überfordert und habe Zukunftsängste. Ich befinde mich in einem tiefen Schacht. Nach oben geht es nicht, nach unten auch nicht. In hänge in einem Netz und komme einfach nicht weiter, weder nach oben, noch nach ganz unten in den Dreck. Will ich nach oben, bricht der Boden unter meinen Füßen weg, ich stehe auf der Stelle, einer Stelle, auf der es nicht schön ist, es ist scheiße hier, hier kann und will ich nicht leben. Nach unten geht es aber auch nicht, obwohl es der beste Ausweg wäre, denn ich weiß, wenn ich ganz unten im Dreck liege, kann ich wieder die Kraft entwicklen, um nach oben zu klettern. Vielleicht muss ich einen Umweg nehmen, es kann lange dauern, aber es würde – wenn auch in kleinen Schritten – endlich wieder vorangehen. Ich brauche Hilfe!

Vermutlich geht es mein ganzes Leben so schon, aber so richtig angefangen hat es vor 5 Monaten. Stephan, mit dem ich zu diesem Zeitpunkt ein Jahr zusammen war und zusammenwohnte, hat mich verlassen. Unsere Situation hat ihn mental so unter Druck gesetzt, dass er mich loswerden musste. Er begehrte mich nicht mehr und wollte sein Leben in seiner Wohnung wieder zurückhaben. Okay, irgendwann musste es soweit kommen, aber es war ein äußerst ungünstiger Zeitpunkt. Ich war pleite, so wie ich es in den letzten 5 Jahren immer war, versuchte gerade meiner beruflichen Selbstständigkeit eine neue Richtung zu geben und hoffte darauf, dass es besser werden könnte. Stephan hielt zu mir, unterstütze mich finanziell und gab mir eine Gnadenfrist von knapp 3 Monaten, einem Zeitraum, indem ich weiterhin bei ihm wohnen durfte und versuchen sollte etwas Geld zu verdienen, um mir dann wieder eine eigene Wohnung finanzieren zu können. 3 Monate, die schnell vergingen, nur leider passierte nichts. Der Tag, an dem ich ausziehen musste, kam. Nur wohin sollte ich? Mein ganzes Geld steckte in meinem neuen Laden und es reichte nicht, um dort fertig zu werden und damit eventuell voranzukommen. Eine Wohnung konnte ich mir auf keinen Fall leisten. Praktisch war ich obdachlos. Mein einziger Ausweg war mein bester Freund Ralphi. Er hatte eine Wohnung, die er selten für sich nutzte, da er die meiste Zeit bei seinem Freund war und er stellte sie mir zur Verfügung, allerdings mit der Option, dass ich jederzeit, wenn er die Wohnung für sich brauchte, sie haben kann und ich mir dann einen anderen Schlafplatz suche. Dieser Schlafplatz war bei Stephan.

Soweit, so gut! Ralphi rief mich also am Dienstagabend an und sagte, dass er Donnerstag und Freitagnacht in seiner Wohnung schlafen wollte, was in den nächsten Wochen häufiger der Fall sein wird, da sein Freund für seine Prüfungen zum Rechtsanwalt lerne müsse und sie sich beide in seinen knapp 30 m² auf die Nerven gingen. Okay, ich hatte ja mit Stephan den Deal, wenn Ralphi seine Wohnung braucht, kann ich zu ihm. Also rief ich Stephan an uns sagte ihm, dass ich bei ihm schlafen müsse. Stephan entgegnete: „Hmm, kannst du Donnerstag nicht bei jemand anderes unterkommen, da ich ein Date habe und wir uns bei mir treffen?“

Das besagte Date war mit dem Architekten, also eigentlich einem potenziellen, da sich dieser Typ noch im Studium befand. Stephan und er trafen sich schon zum zweiten Mal und ich wusste, auch wenn es Stephan nie offen gesagt hätte, dass er den Architekten interessant findet, es also kein klassisches Fickdate ist, sondern ein Date, wo irgendwie Gefühle mit dabei sind. Ich kenne Stephan gut und weiß, wann bei ihm mit jemanden so etwas wie ein Affäre beginnt. Das war ein tiefer Stich in mein Herz! Auf einmal wurde mir bewusst, in was für einer beschissenen Situation ich mich befinde.

Ich war noch lange nicht über Stephan hinweg. Jedes Mal, wenn er mir von einem Fickdate erzählte, musste ich es ihm gleichziehen und mir ebenso eines suchen. Okay, innerlich freute ich mich immer, wenn es ein mieses Date war, aber wenn es mal ein tolles war, machte es mir Angst, gerade dann, wenn er davon sprach, dass er sich gerne ein weiteres mal mit dem Typen treffen möchte. Automatisch gingen bei mir die Alarmglocken an. Achtung, potenzieller Konkurrent! Ich war eifersüchtig, denn ich gestand es ihm nicht zu, dass er vor mir jemanden findet, mit dem es ernster werden könnte, denn schließlich hatte Stephan mich verlassen und durfte erst dann wieder jemanden haben, wenn ich ebenso jemanden hatte. Ich weiß, es ist eigentlich total bekloppt, denn wenn man jemanden liebt, sollte man sich für ihn freuen, wenn er glücklich ist, aber – sorry – nicht auf meine Kosten, dafür bin ich dann doch zu labil, zumindest momentan.

Na ja, also am besagten Donnerstag, war Stephan zum zweiten Mal mit dem Architekten verabredet und ich fand niemanden bei dem ich die Nacht verbringen konnte, also musste Stephan zusehen, dass ich dennoch bei ihm schlafen konnte. Entweder er verschob sein Date, sah zu, dass der Architekt nicht länger als 21 Uhr bei ihm war und sie gingen zu ihm. Letzteres wäre mir am liebsten gewesen, denn so hätte ich den Abend für ich allein gehabt und in mich in meinen Gedanken verlieren können oder hätte mich eben abgelenkt und gut. Leider kam es anders, denn Stephan sah zu, dass der Architekt nicht länger als 21 Uhr bei ihm war. Als ich gegen 22 Uhr zu Stephan kam, war er verdammt gut drauf – logisch, er hatte einen tollen Nachmittag mit einem tollen Typen und tollen Sex – und ich war stimmungsmäßig das absolute Gegenteil. Ich kam rein, sah auf dem Wohnzimmertisch zwei Tassen und Kekse und sah, dass im Regal hinter dem Sofa, da wo immer zwei Kondome liegen, die eine Packung der beiden Kondome aufgerissen und leer war. Toll, ich wusste, dass Stephan und der Architekt dort auf dem Sofa saßen, Tee tranken, Kekse aßen, irgendwann anfingen zu knutschen, sich auszogen und miteinander auf dem Sofa fickten. Ein weiterer, verdammt tiefer Stich in mein Herz und dieses Mal wurde die Klinge sogar noch gedreht. Verdammt, ich wollte das sein, der mit Stephan auf dem Sofa saß, ich wollte mit ihm in seiner Wohnung wohnen, ich wollte mit ihm ein Paar sein und ich wollte mit ihm und nur mit ihm ein gemeinsames Leben führen.

Den weiteren Abend war ich still, saß neben Stephan auf dem Sofa und starrte mehr oder weniger ins Leere. Er schlug vor, dass wir uns Solaris ansehen sollten, da er am Abend zuvor die russische 3-Stunden-Version gesehen hatte und nun damit das amerikanische Pardon mit George Cloony vergleichen wollte. Ich willigte ein, da mir das eh egal war, denn ich war mit meinen Gedanken ganz woanders. Ein Fehler, wie sich im Nachhinein herausstellte, da es in Solaris um Verzweiflung, Verlust und dem nicht Loslassen geht, was sich mit meiner Stimmung deckte und es noch schlimmer machte. Geistesabwesend sah ich durch den Film hindurch und addierte die Emotionen des Filmes mit meinen – kein guter Plan! Stephan bemerkte das natürlich auch und sprach mich nach dem Film darauf an, was dazu führte, dass alles aus mir heraus brach. Wir redeten noch über drei Stunden und gingen dann ins Bett.

Für den Moment half es mir, aber es zeigte mir auch, dass es dieses Mal schlimmer denn je war. Ich musste etwas verändern und ich musste eine Lösung finden, dass ich mit meinem Leben wieder auf den richtigen Weg komme. Nur welcher Weg war der Richtige? Ich hoffe, dass ich mir diese Frage bald beantworten kann. Ich bat Stephan mich in den Arm zu nehmen, weil ich hoffte, dass es helfen würde. Er tat es, aber er tat es auf meinem Wunsch, was dazu führte, dass es gestellt wirkte und nichts brachte. Also drehte ich mich um und schlief ein.

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