Ich, als sein neun Jahre jüngerer Bruder wusste, wie der Rest der Familie, nichts von seinen Beschwerden, aber wir wussten seit Jahren nichts von seinem Leben, denn er hatte zu allen den Kontakt abgebrochen. Mein Bruder Mike ist tot. Ich muss zugeben, es tut nicht sonderlich weh, denn wenn man fast 20 Jahre keinen Kontakt zueinander hat, ist man sich fremd geworden.
![]() |
| Mike, 12.03.1969 - 25.04.2017 |
Sein Leben war irgendwie verkorkst
Doch der Schein trügte. Sie fielen auf einen Bauernfänger rein, investierten in ein Immobilienprojekt in Belgien und verloren ihr Geld. Mike begann zu trinken, immer mehr, was die Ehe stark belastete. Es kam noch ein zweites Mädchen zur Welt, er trank weiter, wurde handgreiflich und irgendwann scheiterte die Ehe endgültig. Melanie ging zurück in die Lausitz und brach den Kontakt zu ihrem Ex-Mann ab.
Was blieb, war der Alkohol. Er verlor seinen Job, seinen Führerschein und begann sich zu isolieren. Wir haben nie darüber gesprochen, ich bin mir aber sicher, er fühlte sich in seinem Leben gescheitert. Es erging ihn wie vielen in seiner Generation. Aufgewachsen in der DDR, Mauerfall mit 20 Jahren und auf einmal eine schöne bunte Welt, die voller Versuchungen war. Auf einmal musste man für ein gutes Leben kämpfen, man stand in Konkurrenz zu anderen, was in der damals wirtschaftlich schwierigen Zeit einige Lebensläufe zerstörte. Der Lebenslauf meines Bruders war einer davon. Davon erholt hat er sich scheinbar nie.
Was in den folgenden Jahren passierte, kann ich nur erahnen. Viel weiß ich bis heute nicht. Einige Jahre nach dem Tod meiner Mutter, suchte mein Bruder wieder Kontakt zu meinem Vater. Er lieh sich Geld um seinen Führerschein wieder zu erlangen. Er bekam diesen zurück, fand einen neuen Job als Messe- und Ladenbauer und das erste Mal seit Jahren wirkte es so, als ob es dennoch ein gutes Ende nehmen sollte. Er war viel unterwegs und wann immer er in der Nähe war, besuchte er meinen Vater. Auch mit mir wollte er sich einmal treffen, ich wollte es nicht.
Irgendwann prügelte er sich mit seinem Chef und war den Job wieder los. Er war schon wieder gescheitert und niemand hörte wieder etwas von ihm. Er verkroch sich in sein Loch, dass ihm sicherlich noch gut vertraut war. Meine Schwester lud ihn zu ihrer Silberhochzeit ein, er kam nicht. Letztes Jahr wollte unser Vater seinen 70. Geburtstag noch einmal mit allen feiern. Keiner von uns kam. Irgendwie scheint unsere Familie verkorkst zu sein. Wir lieben uns, aber jeder steckt so sehr in seinem eigenen Leben fest, dass wir uns viel zu selten sehen.
Sinzig war vielleicht sein Schutzraum
Für meinen Bruder wäre es sicherlich gut gewesen, wenn das Familienband stärker wäre, aber es ist nun leider wie es ist. Wir haben versucht ihm zu helfen, doch immer zu schnell aufgegeben. Wer weiß, wäre nur einer von uns hartnäckiger gewesen, wäre das Leben meines Bruders vielleicht lebenswerter geworden. Vielleicht war es das aber auch, denn niemand von uns weiß wirklich, wie es ihm in Sinzig erging. Vielleicht war Sinzig sein Schutzraum, ein Ort, in der die Welt in Ordnung war, Ein Ort, der ihn vom restlichen verkorksten Leben isolierte. Wir werden es nicht mehr erfahren.
Was bleibt ist die Erinnerung. Ich gebe zu, viele Erinnerungen habe ich nicht. Mein Bruder war neun Jahre älter als ich, wir hatten nicht viel gemeinsam. Mit 17 zog er ins Lehrlingswohnheim, ich kam in die Schule. Er erinnere mich, dass ich mit ihm und seinen Freunden zusammen sein wollte, ich war aber ein Kind und gehörte nicht dazu. Ich rannte ihm heulend hinterher, er wollte mich nicht dabei haben. Ich erinnere mich, dass er eine leere Kassenrolle im Schrank hatte, wo er alles notierte, was ich und nicht er bekommen hatte. Ich erinnere mich, dass er mich abends waschen musste, da unsere Eltern noch arbeiten waren. Ich stand nackt auf der Toilette und er seifte mich mit einem Lappen ab. Er machte mir ein Brot und brachte mich ins Bett. Ich erinnere mich, dass ich nach seinem Auszug sein Zimmer mit dem roten Fernseher erbte, was ihm nicht so rechte passte.
Einmal rettete er mir das Leben
Letztendlich waren wir normale Brüder, ich war das verwöhnte dritte Kind, er das Sandwich-Kind, dass immer zurück stecken muss. Ich bin froh, dass er neun Jahre älter war, denn so musste ich nicht seinen alten abgetragenen Sachen anziehen. Er hat mir sogar einmal das Leben gerettet. Ich muss vier Jahre alt gewesen sein. Wir waren im Garten, ich spielte an der Wassertonne und fiel kopfüber hinein. Mein Bruder bemerkte es als Erster. Er war gerade am Gurken pflücken, warf den vollen Korb weg, rannte zu mir und zog mich an den Beinen aus der Regentonne.
Als er dann später mit Melanie in Bergheim wohnte, hatten wir die Beiden einmal besucht. Ich wünschte mir einen Gameboy von den Beiden, was aber zu teuer war. Ich erinnere mich, dass er mich einmal im Auto mitnahm und raste mit mir die Serpentinen im Rheinland hinunter. Das war ein tolles Gefühl, dass auch er sehr mochte. Als wir damals zusammen im Auto fuhren, war er für mich einfach nur der große Bruder, vermutlich das erste und einzige Mal.
Nun ist mein großer Bruder tot. Ein Mensch, der mir fremd geworden ist. Dennoch habe ich hier und da an ihn gedacht. Ich wollte wissen, wie er heute aussieht, denn aktuelle Bilder hatte ich nicht. Mein Bruder und ich könnten Zwillinge sein, nur das er die neuen Jahre ältere Version von mir war. Schaut man sich Bilder von ihm und mir im gleichen Alter an, erkennt man keinen Unterschied. Mich hat es interessiert, ob es heute immer noch so ist und wenn ja, hätte ich gewusst, wie ich in Zukunft aussehen werde. Vielleicht finde ich ja einige Bilder von ihm und kann es noch vergleichen, denn es interessiert mich nach wie vor. Und letztendlich ist es vielleicht das Einzige, was wir gemeinsam hatten.
Ich glaube nicht, dass er nichts mit seinen Töchtern zu tun haben wollte
Seine Tochter fragte mich heute, nachdem sie mich über den Tod meines Bruders informierte: "Meine Schwester sagt, Mike wollte nichts mit uns zu tun haben, denkst du das könnte stimmen?" Ich antworte, dass ich es nicht genau weiß, es aber nicht denke. Ich erklärte es ihr mit seinem Lebenslauf und warb um Verständnis. Ich sagte ihr, auch wenn er nicht für euch da war und den Kontakt gesucht hat, ward ihr seine Töchter und auch wenn er es nie gezeigt hat, hat er euch geliebt und nicht vergessen. Daran glaube ich fest, denn bei allem was war, Mike war ein guter Mensch. Je mehr ich darüber nachdenke, erkenne ich in seinem Verhalten auch einiges wieder, was auch Teil meines Charakters ist. Nur hatte ich eine bessere Startposition, denn als die Mauer fiel, war ich bereits elf und konnte mich besser an das neue System gewöhnen.
Grüß' Mama von uns
Ruhe in Frieden, mein Bruder. Du hast es nun hinter dir. Sicher hättest du noch länger Teil dieser Welt sein sollen, aber deine Aufgabe hier auf Erden ist nun zu Ende. Es freut mich, dass du im März auf Gran Canaria warst und so zum Ende deines Lebens noch einmal ein schönes Erlebnis hattest. Vielleicht stärkt dein Tod das Band der restlichen Familie. Vielleicht finden deine Töchter dadurch den Weg in unsere Familie zurück. Es wird sich zeigen. Ich bin mir sicher, du bist nun an einem besserem Ort. Grüß' Mama von uns und sei ein wenig für sie da, denn DU hast ihr am Meisten gefehlt.
